Wenn heute der 1. Januar 2014 wäre, dann würde ich nach meinem ersten Silvester als zugezogene Berlinerin in der Hauptstadt aufwachen und in eine planlose Zukunft blicken. Heute, 365 Tage später, weiß ich zumindest sehr sicher, was ich nicht mehr will. Und ich habe ein Ziel.
Ich mag meinen Job. Ich bin gerne Grafikerin. Ich mache gerne Sachen “schön”. Und obwohl ich die Kollegen an meiner Arbeitsstelle ins Herz geschlossen hatte, erfüllte mich mein Job von Tag zu Tag weniger. Wenn das unglücklich werden ein schleichender Prozess ist, kann man es manchmal übersehen.
Ich wusste, dass etwas anders werden musste, aber ich schraubte zunächst an den falschen Schrauben. Ich bewarb mich auf andere Grafikposten, schon genervt und angeekelt von den Berufsbeschreibungen die ich las – was man alles können und sein sollte!
Schlimmer noch waren die Vorstellungsgespräche selbst. Man log sich gegenseitig eine gute Stunde lang in die Tasche und keiner wusste am Ende wirklich, was er vom anderen zu erwarten hatte. Mich beschlich das Gefühl, vom Regen in die Traufe zu kommen.
Gab es irgendwo überhaupt den Job den ich suchte?
Ich harrte aus und blieb wo ich war. Hier konnte es zumindest nicht schlimmer werden – dachte ich. Stattdessen konzentrierte ich mich auf den Nebenjob außerhalb meiner geregelten Arbeitszeiten, ich versuchte mich als selbstständige Grafikerin so “nebenbei” und feierte erste Erfolge – aber auch die erste Begegnung mit einem winkenden Burnout.
Ein Vollzeitjob und eine ambitionierte Nebentätigkeit waren nicht zu stemmen und Kreativität funktionierte nicht auf Abruf. Das lernte ich schnell.
Eine “Gründerpersönlichkeit” entwickeln, das ist mir heute ein Begriff aber vermutlich steckte ich damals schon mittendrin. Bis es zur Kündigung im Sommer kam, die dann letztendlich doch vermeintlich schnell und endgültig über Nacht fiel, vergingen Wochen und Monate in denen ich lernen musste, das Selbstverwirklichung und berufliche Selbstbestimmung nicht mit einem geregelten Einkommen und nicht mit größtmöglicher Sicherheit einhergehen können.
Ich kündigte und sprang ins kalte Wasser. Für meine Selbstständigkeit gab es nicht d e n richtigen Moment und auch keinen doppelten Boden.
Wer Freiheit gewinnen möchte, muss Sicherheit aufgeben. Die Sicherheit zu wissen, was er jeden Monat verdienen wird. Die Sicherheit zu wissen, was er morgen tun muss. Die Sicherheit zu wissen, dass er am Wochenende frei haben wird. Die Sicherheit zu wissen, dass sich andere um deine Aufträge kümmern. Die Sicherheit zu wissen, dass dir jemand sagt was richtig und falsch ist.
Die Sicherheit zu wissen, dass man die Schuld nicht mehr auf andere schieben kann.
Als Selbstständige bin ich nun 100% für mich selbst verantwortlich. Ich erhalte eine leistungsorientierte Bezahlung meiner Kunden und meiner Arbeit. Dafür kann ich mir freinehmen wann ich will, ich kann mir meinen Tag einteilen wie ich möchte, ich kann so wandelbar sein wie ich Lust habe, ich kann Aufträge unterschiedlichster Art annehmen und ablehnen. Kein Gehalt und kein Bonus der Welt kann dem Gefühl gerecht werden, dass der erste große erarbeitete Auftrag in mir ausgelöst hat.
In den vergangenen Monaten ist viel passiert, dass ich mir selbst nicht zugetraut hätte.
Das ist gut zu wissen, denn so habe ich Wind in den Segeln für das kommende Jahr und die kommenden Herausforderungen. Dinge die ich heute nicht kann, beherrsche ich vielleicht schon morgen, weil ich muss. Für mich und für meine selbstbestimmte Arbeit, die ich keinen Tag mehr missen möchte.
Es gibt vielleicht keinen richtigen Plan, aber ein sehr richtiges Ziel: Ich möchte so gut sein in dem was ich tue, dass ich das den Rest meines Lebens tun darf und davon leben kann – als Freiberuflerin, die nicht mehr verzweifelt nach der Work-Life-Balance sucht, sondern ihre Arbeit sehr zufrieden als wichtigen Teil ihres Lebens betrachten kann.
Wenn Arbeit nämlich erst mal keine Arbeit mehr ist, sondern Teil deines Lebens, stören dich weder Überstunden, noch eine geringe Bezahlung, noch das frühe Aufstehen. Dann ist jeder Tag ein Tag an dem Du machen darfst, was du sowieso tun wolltest.
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